Der Tag danach

Kurz vor sieben waren wir wieder zu Hause. Meine Schwiegereltern hatten uns gebracht.

Die Wohnung war leer. Unfassbar leer.

Manni und ich riefen einige Menschen an, um ihnen zu sagen, dass Dennis tot ist.

Bei jedem Anruf zerfiel etwas mehr in mir.

Am liebsten hätte ich die Welt angeschrien, sie solle stehen bleiben. Sie durfte sich nicht weiterdrehen. Das war unmöglich. Der wichtigste Mensch war doch nicht mehr da.

Ich fragte Manni, ob er mit ins Bett käme. Er sagte sofort ja. Ich glaube, er wäre überall mit hingegangen. Es war ihm egal, wohin. Nichts war mehr wichtig.

Und ich – ich wollte mich verkriechen. Ins Bett. Schlafen. Nicht mehr aufwachen. Ich war betäubt, leer, gelähmt. Die Angst nahm mir fast die Sinne.

Gegen halb zwölf wachte ich wieder auf. Manni lag nicht neben mir.

Ich wusch mich, putzte mir die Zähne, kämmte mich, zog mich an. Alles lief automatisch ab. Erlernte Abläufe. Der Körper funktionierte weiter, obwohl innen alles tot war.

Unten in der Küche hämmerte es in meinem Kopf: Dennis ist tot. Jetzt ist es wirklich passiert.

Ich hatte mein ganzes Leben Angst um ihn gehabt. Diese Angst begann mit seiner Geburt. Sie war immer da. Nicht ständig panisch – aber unterschwellig. Wie ein leiser Schatten. Und jetzt war sie Realität geworden.

Das Telefon klingelte.

Es war der Bestatter, der Dennis vom Unfallort abgeholt hatte. Seine Stimme war kalt, fast genervt. Er fragte, wie es nun mit der Beerdigung weitergehen solle.

„Aufbahren können Sie vergessen", sagte er. „Die Kopfverletzungen sind zu schlimm."

Mir wurden die Knie weich.

„Na ja", meinte er dann, „vielleicht gerade so – mit viel Make-up."

Dann fragte er nach der Religion. Katholisch oder evangelisch.

Ich sagte ihm, dass Dennis nicht getauft sei. Er sollte sich selbst entscheiden dürfen, wenn er alt genug wäre.

Der Bestatter wurde scharf. Fast aggressiv.

Dann müsse jetzt eine Entscheidung her. Eine Nottaufe. Ich solle den Pfarrer anrufen. Wer wisse schon, ob ihn überhaupt ein Friedhof nehme.

Ich wusste nichts mehr. Gar nichts. Ich sagte, ich rufe zurück – und legte auf.

Ich saß am Küchentisch. Die Angst fraß mich auf. Die Angst vor dem Weiterleben.

Manni kam herein. Ich erzählte ihm, was der Bestatter gesagt hatte.

Er sagte ruhig: „Wir gehen zu dem Bestatter, der auch meine Mama beerdigt hat."

Dann: „Komm, wir fahren zu Vater."

Bei Mannis Eltern übernahm sein Vater alles. Die Formalitäten. Die Gespräche. Dennis wurde nach Mettingen überführt. Am nächsten Tag sollten wir kommen, um alles zu besprechen.

Wieder zu Hause begannen Manni und ich, unabhängig voneinander, die Wohnung zu putzen. Wie irre. Als wären wir verrückt geworden. Vielleicht waren wir es auch. Wir putzten, um irgendetwas zu tun. Um nicht zu denken.

Zwischendurch klingelte ständig das Telefon. An vieles habe ich keine Erinnerung mehr.

Kopfchaos.

Am nächsten Tag sollten Dennis' Vater, seine Frau und ihr kleiner Sohn John kommen. Dennis' Halbbruder. Ein guter Gedanke. Dann konnten wir wenigstens gemeinsam ratlos sein.

In meinem Kopf formten sich dunkle Gedanken.

Bianka, du musst dein Kind anständig unter die Erde bringen. So lange musst du noch am Leben bleiben. Danach sagst du Manni, du fährst zu einer Freundin. Armer Manni. Dann fährst du nach Osnabrück, mietest ein Hotelzimmer, hängst das „Bitte nicht stören"-Schild an die Tür und nimmst alle Tabletten, die du hast. Dann bist du wieder bei Dennis.

Das ist gut.

Wahrscheinlich wird dich eine Putzfrau finden. Arme Putzfrau.

So wird es sein. Die Qual hat ein Ende.

Abends schliefen wir wieder – betäubt.

Am nächsten Tag kamen Dennis' Vater, seine Frau und John. John sah Dennis so ähnlich. Sie blieben vier Wochen. Meine Schwester und mein Bruder kamen mit Partnern übers Wochenende. Gemeinsam fuhren wir zum Bestatter. Dieser war freundlich. Ein ganz anderer Mensch.

Er riet uns davon ab, Dennis aufzubahren. Es sei besser, ihn so in Erinnerung zu behalten, wie wir ihn kannten.

Wir berieten lange. Und entschieden uns dafür.

Unseren Jungen so zu behalten, wie wir ihn zuletzt lebendig gesehen hatten.

Bis heute sind meine Gefühle dazu gespalten.

Wir entschieden uns für eine Beisetzung im Friedwald.

Ein wunderbarer Ort. Nur Wald. Natur. Unser Familienbaum. Unter ihm sollten wir eines Tages wieder vereint sein.

Doch dann kam alles anders.

Bis zu Dennis' Beerdigung vergingen noch zwei Wochen. In dieser Zeit kehrte mein Verstand langsam zurück. Ich nahm die Menschen um mich herum wieder wahr. Manni. Meine Geschwister. Werner. Mandy. Alle litten.

Wem wollte ich es zumuten, auch noch mich zu beerdigen?

Nach und nach reifte eine Entscheidung.

Ich konnte ihnen das nicht antun.

Das ging nicht.

Das durfte ich nicht.

Und so lebe ich heute noch.

Was für ein schweres Leben.

❤️❤️❤️❤️❤️

Nicht alle Schmerzen sind heilbar,

denn manche schleichen sich tiefer ins Herz hinein,

und während die Tage verstreichen, werden sie zu Stein.


Du lachst und sprichst, als wenn nichts wäre, sie scheinen geronnen zu Schaum,

doch du spürst ihre lastende Schwere bis tief in den Traum.


Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,

die Welt wird ein Blumenmeer,

aber in deinem Herzen ist eine Stelle …


versteinert … da blüht nichts mehr.