Der Tag danach
Kurz vor sieben waren wir wieder zu Hause. Meine Schwiegereltern hatten uns nach Hause gebracht. Alles war leer. Ich rief ein paar Leute an um zu sagen dass Dennis tot ist. Ich hätte am liebsten die Welt angeschrieen sie soll aufhören sich zu drehen. Es war unmöglich das sie sich weiter dreht. Der wichtigste Mensch war doch nicht mehr hier!!!!!!!
Ich fragte Manni ob er mit ins Bett käme. Er sagte sofort ja. Ich glaube er wäre überall mit hin gekommen, es war ihm egal. Nichts war mehr wichtig. Und ich, ich wollte mich verkriechen, ins Bett verkriechen, schlafen……. nicht mehr aufwachen. Ich fühlte mich betäubt, leer gelähmt. Die Angst nahm mir fast die Sinne.
Halb zwölf wachte ich wieder auf. Manni lag nicht mehr neben mir. Ich wusch mich putze mir die Zähne, kämmte mich und zog mich an. Alles Automatismen, gelernt ist eben gelernt. Ich ging hinunter in die Küche. In meinem Kopf hämmerte es Dennis ist tot. Jetzt ist es wirklich passiert. Ich hatte immer Angst um ihn. Ich hatte immer Angst ihn zu verlieren. Diese Angst begann am Tag seiner Geburt und war da bis heute. Ich hab nicht ständig gezittert aber die Angst war da, immer, unterschwellig.
Das Telefon klingelt. Es war der Bestatter der Dennis vom Unfallort geholt hatte. Er war unfreundlich, fragte was denn nun sei mit der Beerdigung. Aufbahren können sie vergessen, sagte er, seine Kopfverletzungen sind zu schlimm. Meine Knie wurden weich. Na ja vielleicht gerade so, sagte er, mit viel Make-up. Ist er katholisch oder evangelisch frage er. Ich sagt ihm Dennis ist nicht getauft. Er sollte sich seine Religion selbst aussuchen wenn er alt genug wäre. Der Bestatter fing an zu fauchen. Dann müssen sie sich jetzt entscheiden. Dann muss eine Nottaufe gemacht werden. Rufen sie denn Pfarrer an. Wer weiß ob ihn ein Friedhof nimmt. Ich wusste gar nichts mehr. Ich sagte dass ich ihn zurückrufe und legte auf.
Ich saß am Küchentisch und die Angst verschlang mich. Die Angst vor dem weiterleben. Manni kam herein. Ich erzählte ihm was der Bestatter gesagt hatte. Manni sagt wir gehen zu dem Bestatter der auch meine Mama beerdigt hat. Komm lass uns zu Vater fahren. Bei Mannis Eltern angekommen, kümmerte sich Mannis Vater um alle Formalitäten. Dennis wurde nach Mettingen überführt und wir sollten am nächsten Tag kommen um alles zu besprechen.
Wir fuhren nach Hause. Zuhause angekommen fingen Manni und ich unabhängig von einander an die Wohnung zu putzen. So als wären wir irre geworden, wir waren es ja auch fast. Ich glaube wir putzten einfach um irgendwas zu tun. Zwischendurch waren viele Anrufe. Leider hab ich große Erinnerungslücken.
Kopfchaos!
Morgen kommen Dennis Vater uns seine Frau mit ihrem kleinem Sohn John, Dennis Halbbruder. Ein guter Gedanke. Dann können wir zu viert ratlos sein.
In meinem Kopf begannen sich Gedanken zu formen. Bianka du musst dein Kind anständig unter die Erde bringen. So lange musst du noch am Leben bleiben. Nach der Beerdigung sagst du Manni das du zu einer Freundin fährst. Amer Manni. Dann fährst du nach Osnabrück, mietest dich in ein Hotel ein und hängst das „Bitte nicht Stören" Schild an die Tür, dann nimmst du alle Tabletten die du hast. Dann bist du wieder mit Dennis zusammen. Schön! Das ist gut! Vermutlich wird eine Putzfrau mich finden, arme Putzfrau. So wird es sein! Die Quälerei ist absehbar! Abends schliefen wir wie betäubt.
Am nächsten Tag kam Dennis Vater, seine Frau und John, Dennis Halbbruder der ihm so ähnlich sieht. Sie blieben vier Wochen bei uns. Meine Schwester und mein Bruder kamen mit Freund und Freundin. Sie blieben übers Wochenende. Wir fuhren gemeinsam zum Bestatter und besprachen alles. Der Bestatter war sehr lieb. Er riet uns Dennis nicht aufzubahren, er sagt uns auch, dass es besser wäre wenn wir Dennis so in Erinnerung behalten wie wir ihn kannten. Wir berieten uns lange und haben uns dann entscheiden unseren Jungen so in Erinnerung zu behalten wie wir ihn das letzte Mal gesehen hatten. Meine Gefühle dazu sind heute gespalten. Wir entschieden uns noch, Dennis im Friedwald beizusetzen.
Der Friedwald ist toll. Nur Wald, völlig naturbelassen. Unser Familienbaum unter dem wir bald wieder vereint sind…. Doch dann kam alles anders. Bis zu Dennis Bestattung vergingen noch zwei Wochen. In diesen zwei Wochen, kam so nach und nach mein Verstand wieder. Ich nahm die Menschen um mich herum wieder wahr. Manni, meine Geschwister, Werner, Mandy alle litten sehr. Wem wollte ich es denn zumuten mich auch noch zu beerdiegen? Nach und nach reifte mein Entschluss. Ich kann ihnen das nicht zumuten. Es geht nicht. Das kann ich nicht bringen. Und so lebe ich heute noch….
Was für ein schweres Leben!
Nicht alle Schmerzen sind heilbar,
denn manche schleichen sich tiefer ins Herz hinein,
und während die Tage verstreichen, werden sie zu Stein.
Du lachst und sprichst, als wenn nichts wäre,
sie scheinen geronnen zu Schaum,
doch Du spürst ihre lastende Schwere bis tief in den Traum.
Der Frühling kommt wieder mit Wärme und Helle,
die Welt wird ein Blumenmeer,
aber in Deinem Herzen ist eine Stelle…
versteinert.... da blüht nicht's mehr.