Die Unfallnacht
Das Telefon stand unten in der Küche. Normalerweise hörte ich es nicht, wenn ich oben im Schlafzimmer war.
Es war etwa 2.20 Uhr, als es mich doch aus dem Schlaf riss.
Ich schaute auf die Uhr und ging die Treppe hinunter. Schon auf den ersten Stufen überkam mich ein Gefühl, das ich nicht kannte – schwer, dunkel, bedrohlich. Mein Herz begann zu rasen.
Ich nahm den Hörer ab. Am anderen Ende war die aufgeregte Stimme eines Freundes von Dennis.
„Bitte, Frau Lagemann, kommen Sie ganz schnell nach Recke. Es gab einen Unfall. Der Dennis ist tot."
Mir wurde schlagartig eiskalt.
„Bist du sicher?", fragte ich.
„Ja", sagte er. „Es sieht ganz schlecht aus."
„Wo sollen wir hinkommen?"
„Fahren Sie Richtung Recke, Sie werden es schon sehen …"
Dann legte ich auf.
Was ich in diesem Moment fühlte, lässt sich nicht beschreiben. Dafür gibt es keine Worte. Das Einzige, was ich greifen kann, ist dieses körperliche Gefühl: Mein Blut wurde kalt. Nicht bildlich – wirklich kalt. Es war, als würden kleine Eiswürfel durch meine Adern treiben, und ich konnte spüren, wie dieses kalte Blut durch meinen Körper floss.
Ich weckte meinen Mann. Wir fuhren los.
Die ganze Fahrt über sagte er immer wieder, dass er es nicht glauben könne. Dass es nicht sein könne.
Dann sahen wir die ersten Einsatzfahrzeuge. Feuerwehr. Polizei. Krankenwagen. Die Nacht war hell erleuchtet von Blaulicht und Scheinwerfern. Die Straße war gesperrt. Mein Mann stieg aus und sagte einem Feuerwehrmann, dass wir angerufen worden seien, ob hier ein junger Mann mit einem Roller verunglückt sei.
Der Feuerwehrmann sagte, davon wisse er nichts. Kein Roller, kein Unfall dieser Art.
Er ließ uns weiterfahren.
In mir flackerte Hoffnung auf. Ein kleiner, verzweifelter Funke.
Wir fuhren langsam weiter.
Dann kamen uns zwei Männer entgegen. Wir hielten an, stiegen aus. Es waren Polizisten. Wir sagten ihnen, dass wir einen Anruf bekommen hätten. Dass unser Sohn Dennis heiße.
Der eine Polizist sah uns an und sagte, er müsse uns leider mitteilen, dass unser Sohn bei einem Autounfall gestorben sei.
Ich wollte fühlen. Schreien. Weinen. Irgendetwas.
Aber nichts kam. Ich war leer, leer, leer …
Etwas in mir war in diesem Moment gestorben. Zerrissen. Versteinert. Ich war wie gelähmt.
Ich fragte, ob ich zu meinem Jungen könne.
Der Polizist sagte nein. Der Staatsanwalt habe die Körper noch nicht freigegeben.
Wir setzten uns wieder ins Auto. Ein Seelsorger kam zu uns. Er fragte mehrmals, ob er uns nach Hause bringen solle. Ich sagte immer wieder nein. Wir bleiben hier. Solange unser Sohn hier ist, bleiben wir auch.
Er war sehr freundlich. Aber ich weiß nicht mehr, was er sagte.
Mein Mann und ich redeten. Oder wir schwiegen. Ich weiß es nicht mehr. Die Zeit verlor ihre Form. Wir rauchten eine Zigarette nach der anderen.
Ich würde gern mal aufschreiben, was ich gefühlt habe, dann wäre ich es mal los, aber es geht nicht. Ich habe dafür keine Worte. Etwas in mir ist gestorben, zerrissen, versteinert … Ich war wie gelähmt.
Dann kam der Freund unseres Sohnes – der, der angerufen hatte. Er erzählte uns, dass ein anderer Freund das Auto seines Vaters genommen hatte. Dennis sei mitgefahren. Der Fahrer sei ebenfalls tot. Der dritte Junge wäre auf dem Weg ins Krankenhaus.
Der Freund war groß, kräftig, eigentlich stark. In dieser Nacht war er nur noch ein Schatten seiner selbst. Kurz darauf kam ein Polizist und führte ihn weg.
Dann kamen meine Schwiegereltern. Mein Mann hatte sie angerufen – auch daran habe ich keine Erinnerung. Als sie da waren, brach mein Mann zusammen. Er weinte, sein ganzer Körper bebte. Meine Schwiegermutter weinte mit uns, sie hielt uns fest, streichelte uns. Ich weiß nicht mehr, was sie sagte.
Mein Schwiegervater nahm mich in den Arm. In diesem Moment wünschte ich mir nur noch, dass die Zeit stehen bleibt. Dass sich alles auflöst. Dass nichts davon wahr ist.
Später sagte ein Polizist, man habe die Jungs auf die Straße gelegt. Alle wollten noch ein Gebet sprechen.
Wir nahmen uns an den Händen und gingen zu der Stelle. Die beiden lagen dort, abgedeckt. Alle Einsatzkräfte, Helfer und Freunde von Dennis standen im Kreis um sie herum.
Alles war unwirklich.
Der Pastor sprach ein paar Worte. Ich weiß nicht mehr, welche. Dann beteten wir gemeinsam das Vaterunser. Ich war leer. So unfassbar leer. Ich war wie gelähmt; ich konnte mich kaum bewegen.
Meine Schwiegereltern brachten uns nach Hause. Auch daran habe ich keine Erinnerung.
Als wir dort ankamen, sah ich auf die Uhr. Es war fast sieben Uhr morgens.
Wir hatten über vier Stunden an der Unfallstelle verbracht.
Erinnern kann ich mich an vielleicht dreißig Minuten.